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Neulich in den Bergen – ein fiktives Gespräch auf Karfreitag…

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Neulich in den Bergen – ein fiktives Gespräch auf Karfreitag in einer Hütte in den Bayerischen Alpen, Ostern 2021

Christian Drosten, Jörg Kachelmann und Rainer Maria Woelki treffen sich, rein zufällig, Karfreitag 2021 auf einer Hütte in den Bayerischen Alpen. Das Wetter hat sie zur Einkehr überredet, es ist kalt und ein leichter Nieselregen macht das kopffreimachende Wandern unattraktiv. Ungewöhnlich, dass die drei Herren zeitgleich und völlig unabhängig voneinander die Stube betreten. Man erkennt sie kaum wieder, sie wirken sehr zivil, sind rustikal gekleidet und eigentlich gut für „Wetter“ vorbereitet.

Der Gastraum ist klein, nur noch ein freier Tisch, die Situation ist alternativlos und nachdem sie sich ihrer Wanderkleidung entledigt haben, bemerken sie den prominenten Zufall. Woelki bricht die Stille der allgemeinen Überraschung und fragt, ob er die Herren auf einen Wein einladen darf, ein allgemeines, nickendes Lächeln läßt den „Schlacks“ vom Rhein zum Tresen laufen. Bevor Drosten seiner Verwunderung kundtun kann, sagt Kachelmann: „Mit dem möchte ich nicht tauschen.“, worauf Drosten süffisant antwortet: „Dann stünde der Dom in Köln bereits zum Verkauf und das Zölibat wäre längst Geschichte, würde ich mal vermuten.“ Kachelmann: „Oh, sie machen mir Angst, ich dachte sie wären ein Wissenschaftler, wie ich?“ Drosten: „Schauen sie mal aus dem Fenster, sie scheinen ihre eigenen wissenschaftlichen Kollegen zu ignorieren.“ Kachelmann schaut amüsiert: „Vielleicht haben sie recht, bin ja auch los gelaufen ohne mich zu informieren, laufe quasi vor ihren Prognosen davon. Das mit dem Zölibat trauen sie mir aber zu, das werte ich mal als Kompliment.“ Woelki kommt gelöst zum Tisch, ohne das Gelächter der beiden zuordnen zu können: „Entschuldigen sie bitte, ich war noch kurz austreten, der Wirt bringt aber die Getränke, trocken habe ich bestellt.“ Das kann was werden, denkt sich Drosten und Kachelmann scheint begeistert vom entspannten Wortwitz des Kardinals und mutmaßt: „Das ist dann auch wohl der Grund, warum es sie jetzt gerade nach Bayern verschlagen hat, weil in Köln müsste man sich dafür in eine lange Schlange einreihen.”

Woelki: „Meine Herren, genug der Scherze, die Lage ist dramatisch, ich denke, das kann jeder für sich unterschreiben. Sagen wir mal so, vielleicht ist es in der heutigen Zeit mit dem Glauben weit unpopulärer, als mit dem Wissen, was eher ihrem Metier entspricht, aber letztendlich sitzen wir doch alle als Kinder Gottes in diesem merkwürdigen Boot und hoffen nicht unterzugehen.“ „In welchem Boot, vielleicht dem Großen aus China im Canale Piccolo?“ entgegnet Kachelmann.

Die Hüttentür geht auf und ihr erster Gedanke: „Der Drosten färbt sich die Haare.“ Für Sophie Passmann gab es nur den einen Tisch, die Chance um sehr schnell erwachsen zu werden und die Chance dem Falsch in hoher Dichte zu begegnen: „Wo darf ich mich hinsetzen oder gehört diese Hütte Franz-Josef Strauss?“ Nein, sie lacht nicht über ihren eigenen Zynismus, sie wetzt die Worte, der Moment sollte an Schärfe gewinnen. Allgemeines Nicken und als der Wirt den Wein bringt, bestellt Kachelmann für den jungen Gast einen Almdudler. „Störe ich gerade bei der Beichte?“, fragt Passmann und korrigiert die Bestellung zu einem Ingwertee. Passmann: „Herr Löw, welch ein Zufall, sie hier in den Bergen zu treffen, fußballerisch habe ich sie eher weiter unten vermutet.“ Woelki und Kachelmann finden diesen provokanten Einstieg wunderbar, Drosten kontert: „Greta, du sprichst ja fließend deutsch und warum ist so ein eloquentes, erfrischendes, junges Mädchen alleine unterwegs?“ „War ich anfangs ja auch nicht, aber Kevin fand es nicht gerecht, dass ich die ganze Zeit links lief, er meinte, er sei nicht schwindelfrei und bog nach einer Stunde wieder ins Tal ab. Aber hat ihnen das noch keiner gesagt, dass sie ein bisschen wie der Herr Drosten aussehen?“, kontert Passmann. „Bringen sie bitte nochmal drei Halbe?“ sagt ein sichtlich gelöster Woelki zum Wirt. „Und sie noch einen Almdudler, Greta?“

Kachelmann fängt an, dem Moment das Vertrauen zu entziehen, durchsucht die Räumlichkeit auf versteckte Kameras und beobachtet die Nachbartische. Bitte nicht dieser Spinner Guido Cantz, das Wetter wird immer schlechter und für ein Konzil definitiv zu wenig Kirche im Raum.

„Mein Name ist Sophie Passmann, ich bin 27 Jahre alt, schreibe eine Kolumne in der Zeit und mein erstes Buch heisst Alte weiße Männer. Unsere heutige Begegnung könnte Schicksalhaftes bedeuten.“ grinst sie und umgreift mit beiden Händen den Tee. „So so.“, sagt Woelki, „Sie könnten ja meine Tochter sein.“ Drosten spuckt seinen Wein über den Tisch und kann sich kaum halten: „Rainer Maria, ich liebe dieses Wetter, diesen Umstand und ihre Art des Umgangs mit der verblassenden Moral ihrer Institution.“

„Haben Sie Zimmer?“ fragt Kachelmann um eine Bestellung von 4 Obstlern folgen zu lassen.“ Drosten entschuldigt sich für sein Prusten und sagt: „Wunderbar weit weg das alles, ein herrlicher Karfreitag. Nun gut Frau Passmann, das jetzt heute passiert in ihrer Freizeit und landet nicht in ihrer Kolumne oder wird ein Buch, das schenkt ihnen maximal Erkenntnis und Erfahrung, richtig?“ „Das Buch habe ich bereits geschrieben und meine Erkenntnis wird soeben bestätigt.“ antwortet Passmann. Stille …

„Welches Buch nochmal?“, fragt Drosten. „Das meine ich ja, sie kommen übrigens auch drin vor, egal, ob sie sich die Haare färben. Wo war nochmal die Toilette Herr Kardinal?“

„Sie haben ja doch Fragen an unsere Generation Frau Passmann.“ Amüsiert sich Woelki.
„Hallo, an unsere Generation“ moniert Kachelmann.

„Eitelkeit, Herr Kachelmann, hilft uns jetzt nicht weiter, Dialog ist das Tor zur Welt.“, antwortet Woelki und fährt fort: „Wir alle suchen nach dem Richtig, verteufeln das Falsch, verlieren uns in Vielem und haben Angst vor dem Wenigen. Ein Problem unserer Zeit scheint auch der Ansatz zu sein, dass wir immer im Großen und Ganzen recht haben wollen, ohne zu merken, dass bereits diesem Anspruch eine Maßlosigkeit innewohnt und dass wir uns lieber mit der individuellen Moral über den Haufen laufen, als gemeinsam einander zu suchen und zu finden. Das Richtig und Falsch gibt es in verschiedensten Größen, hier die Balance zu wahren ist eine gewaltige Aufgabe, wenn wir die bestehenden Koordinaten in Frage stellen.“

Drosten zu Woelki: „Sich in Vielem verlieren und die Angst vor dem Wenigen, könnte ich auch als Spitze gegen Rom verstehen und ein zeitgemäßer, kirchlicher Dialog ist derzeitig auch nicht fühlbar. Helfen sie mir, den grundsätzlichen Koordinaten wieder zu vertrauen. Das Aufeinanderzugehen, die gesellschaftliche Balance und letztendlich der Anspruch im Großen Ganzen, das wäre schon ein Thema eines ganzen Konzils, finden sie nicht auch oder suchen sie noch?“

„Darf ich Jörg sagen? Wo bitte finde ich das WC?“ fragt Passmann. Kachelmann: „Immer der Schlange nach, Eva … Ich glaube rechts die Tür, seitlich der Theke.“ „Sie waren schon immer so ein lustiger Wetterfrosch, stimmt’s?“, erwidert Passmann.

„Herr Kachelmann, was hat ihnen die Kraft gegeben, wieder auf zu erstehen, bei allem was ihnen in der Öffentlichkeit widerfahren ist?“, fragt diesmal der Kardinal. Kachelmann: „Herr Woelki, das Leben ist keine Theorie, die Öffentlichkeit gibt und nimmt, Eva würde es bestätigen, unsere ureigenen, menschlichen Instinkte in einem harmonischen Ganzen zu sozialisieren, dürfte für jeden von uns eine tägliche Aufgabe sein. Ich bekomme Hunger und Forelle Blau steht auf der Karte, wer hätte Lust?“

„Lasst uns auf die junge Dame warten, vielleicht könnten wir uns ja auf ein Gericht einigen, es muss ja nicht unbedingt Spargel sein.“, gibt Woelki zur Antwort.

„Hat sich Herr Kühnert schon gemeldet?“ fragt Drosten, als Sophie Passmann zurück zum Tisch kommt, diese erwidert: „Kein Empfang, passt zu diesem Tag und zu diesem beschissenen Wetter, was mich aber nicht unglücklich macht. Meine Herren, hat sich denn dieser Tag für sie zu einer Einsicht geformt, ihre Erwartungen eingelöst und fühlen sie sich mental gefaßt, um sich den kommenden Feierlichkeiten hinzugeben?“

„Was stirbt zuerst, der Wald oder der Baum, wie muss das Ich beschaffen sein, damit ihm das Wir nicht fremd wird?“ fragt Woelki.

„Der Baum.“, sagt Drosten und folgert daraus: „Ohne ihn würde es den Wald nicht geben, allerdings ist ein Wald sicherlich viel mehr, als nur die Vielzahl von Bäumen, aber ohne ihn ist der Wald undenkbar.“

„Bevor wir das Fass nun öffnen, wollen sie vielleicht auch etwas mit uns essen, Frau Passmann? Finden wir wohl ein Gericht auf der Karte, dass wir alle vier bestellen könnten, ohne einem von uns zu nahe zu treten? Eine Karfreitag Challenge?“ lacht Kachelmann.

Frohe Ostern.

Haldern Pop/Stefan Reichmann

Ps. Am kommenden Sonntag, dem 24. April 2022, werden neue Bestätigungen für das Festival im August bekannt gegeben.

 

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