Eine Vision fürs Haldern Pop in 2040
„Die Zukunft ist klein“: Im Interview spricht der Haldern-Pop-Leiter Stefan Reichmann mit Marco Virgillito von der NRZ über die Entwicklung der Festivallandschaft. Haldern. Wer mit Stefan Reichmann spricht, darf keine einfachen Ja- oder Nein-antworten erwarten. Der Leiter des Haldern Pop Festivals ist einer, der gerne über den Tellerrand hinaus schaut und Dinge in einem größeren Kontext einordnet. Wenn man mit ihm über Festivals spricht, dann spricht man im Prinzip über die ganze Gesellschaft.
Ein Gespräch über Festivals im Kontext des Zeitgeistes sozusagen.
Die Festivallandschaft ist gerade im Umbruch. Ein Thema, mit dem Du Dich viel beschäftigst. Was ist da gerade los?
Nee, mein Thema ist, dass die Sensibilität der Menschen am Ende ist, dass wir im Prinzip nur noch groß von klein unterscheiden können. Viel und wenig, hell und dunkel, laut und leise. Das sind Kriterien, da haben die Leute Schwierigkeiten. Wenn ich jetzt morgens um 7 Uhr die Hecke schere, dann empfinden das viele Leute nicht als laut, sondern als ordentlich. Die heften das anders ab. Und dann sind wir natürlich bei den verschiedensten Sichtweisen, die man hat.
Alternative Fakten? Die Welt ist noch unverschämter geworden
Wir erinnern uns an die Diskussion 2017 um alternative Fakten. Es gibt alternative Sichtweisen, aber es gibt natürlich keine alternative Realität. Aber das Ganze, was 2017 Stand der Dinge war, ist heute schon wieder obsolet. Das Rad hat sich weitergedreht. Die Welt ist noch viel rasanter und viel dreister und viel unverschämter geworden. Und das erleben wir bei der Fußballweltmeisterschaft, das erleben wir natürlich in der Popkultur.
Rasanter, dreister, unverschämter – gilt das auch für die Festivallandschaft?
Wir haben gerade in der Musikwoche ein größeres Interview gesehen und da reden die ganzen Festivalveranstalter, dass die Flurbereinigung noch nicht beendet ist. Also, die reden eigentlich sehr ökonomisch. Keiner traut sich, über kulturelle Perspektiven zu reden, oder über das, was es jetzt gerade wirklich braucht im Festivalbereich. Dass Festivals eigentlich auch eher so Veranstaltungen sind, um Lücken zu schließen. Aufeinander zugehen, um füreinander interessant zu werden, um Menschen zu verbinden. Das sind eigentlich Ideen von Festivals, und so sind sie immer gewesen.
Aber hier wird es perspektivisch aus der ökonomischen Richtung gesehen. Und dass man nicht mehr so gut Geld verdient, wie man das noch vor ein paar Jahren gemacht hat. Und dass wir eigentlich nur ein Ziel haben müssen: wieder dahin zu kommen, wo wir eben unglaublich viel Geld verdienen mit Festivals.
Gilt das denn auch als Ziel fürs Haldern Pop?
Das ist ja noch nie unsere Sichtweise gewesen.
Wir haben dieses Festival nicht gegründet, um Geld damit zu verdienen. Das ist zwar legitim, weil Leute ziemlichen Aufwand betreiben und dann auch letztendlich Geld dafür haben wollen. Aber es ist halt nicht mehr so einfach, damit wahnsinnig viel Geld zu verdienen, was auch völlig okay ist.
Die Menschen werden auch müde, dieses ganze Geld eben zu investieren, weil eben alles unglaublich teuer geworden ist. Dieses Dynamic Pricing, wir erleben es an den Tankstellen. Wir erleben das jetzt immer mehr auch in den Supermärkten.
Dieses Digitalisieren erlaubt es uns auch, Preise in Sekunden zu ändern. Ich habe immer den Eindruck, die Leute wissen nicht mehr, dass das alles gerade so über uns hereinbricht. Und diese Ohnmacht sorgt dafür, dass uns die Ruhe fehlt, sich hinzusetzen und zuzuhören, Sachen auf sich zukommen zu lassen, eine Bereitschaft zu entwickeln, eben positiv zu denken. Zuversichtlich zu sein, wird immer schwieriger.
Wer listig ist, ist klar im Vorteil. Wir gucken nur noch darauf, wann Dein Gegenüber einen Fehler macht. Oder wie wir von der Situation profitieren können. Wie wir gewinnen können. Wir tragen immer schon die Idee in uns, gewinnen zu müssen.
Wie überträgt sich dieser Zeitgeist auf das Haldern Pop Festival?
Das ist der Zeitgeist, mit dem wir zu tun haben. Wenn ich davon rede, dass wir zwischen diesen Fronten versuchen, hin und her zu dribbeln, unsere Interessen, die Interessen des Publikums und die Interessen der Künstler unter einen Hut zu bringen: Manchmal ist das gar nicht möglich, weil auch bei den Künstlern gewisse Drittinteressen am Start sind. Menschen, die gar nicht zu diesem Festival kommen, die mit diesen Künstlern arbeiten.
Weil Geld eben doch Tore schießt...
Da ist das Businessmanagement, da ist die Rechtsabteilung, da sind die Agenten, die irgendwo in der Welt verteilt sitzen, die die Band quasi distribuieren. Es sind unsichtbare Interessen, die nicht vor Ort sind, die den Moment der Gastfreundschaft, des Austausches und auch den musikalischen Moment, den die Band auf der Bühne spürt, gar nicht mitkriegen. Aber das ist denen eigentlich auch egal, weil die natürlich viel wirtschaftlicher denken müssen. Das will ich denen auch gar nicht immer unbedingt absprechen, weil man auch eine gewisse Ökonomie und eine gewisse Existenz haben muss. Deswegen ist diese Welt auch so komplex. Deswegen haben wir auch keine Fußball WM in der Pop Bar geguckt. Seit 2018 nicht. Die Vergabe nach Russland war falsch.
Katar war falsch und jetzt die USA auch. Es gab ja 1000 Anzeichen, die uns sagten, dass es auf den Punkt X zuläuft, in dem Trump und Infantino ganz plötzlich wesentliche Regeln im Sport brechen. Die unverrückbar waren. Und jetzt ist das alles passiert. Jetzt sind alle völlig erbost. Aber man konnte sich das doch an allen fünf Fingern abzählen, dass das in die Richtung geht.
Man hat sich noch vor ein paar Jahren die Frage gestellt: Schießt Geld Tore? Das wollte man nicht glauben im Fußball, das ist doch so ein ehrlicher, sozialer Sport. Aber irgendwie wird einem immer bewusster: Ja, Geld schießt schon Tore. Unverschämtheit gewinnt und kommt durch.
Was schießt denn beim Haldern Pop Tore?
Die größte Torchance, die wir auch versenkt haben, war der Moment, in dem wir uns fürs Geld hätten entscheiden können, uns aber fürs Festival entschieden haben, indem wir eben bei dem schnellen Ausverkauf nicht mit Größerwerden reagiert haben. Es gibt ja sogar Leute, die uns deswegen geradezu nicht mehr ernst nehmen. Wer so doof ist... Das mündet ja dann auch in der Frage: Lohnt sich das? Natürlich habe ich eine Verantwortung, dass es wirtschaftlich funktioniert, aber sich auf diese Frage zu reduzieren, ob sich das lohnt, das ist für einen kulturwirtschaftlichen Betrieb total schwierig.
Dabei helfen, dass die Menschen sich wieder auf Überraschungen einlassen können
Im Kulturellen sind die Aufgaben mannigfaltig. Wir wollen die Leute erreichen. Wir wollen sie mit dieser Kreation aus Geselligkeit, aus musikalischer Spannung, aus Überraschung, aus – auch wenn das subjektiv und Geschmackssache ist – Qualität erreichen. Ich habe es schon mehrmals gesagt: Wo wir sind, ist nicht vorn. Wir schlagen Dinge vor, die uns begeistern. Wo wir denken: Das muss man gehört haben, das ist toll. Und wir wollen dieses Gefühl wiederhaben, dass die Leute sich hier gut fühlen. Ein ganz großer Teil des Publikums fühlt sich an diesem Wochenende sehr ungewöhnlich, aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und das im 21. Jahrhundert bei all diesen Optionen und Möglichkeiten zu schaffen, ist schon bemerkenswert.
Das ist doch letztendlich dann die wichtigste Bestätigung für Euren Weg, oder nicht?
Richtig, aber ich spüre halt trotzdem, dass das in der Öffentlichkeit und in den Medien nicht wahrgenommen wird. Die Medien rennen den Effekten in den Sozialen Medien hinterher. Nicht alle, aber oft. Ich habe so viele Gespräche in meinem Le-ben zu diesem Thema mit Ökonomen geführt. Sie sagen: „Du hast ja recht. “Aber am Ende interessiert nur viel, nur groß, nur eine Menge.
Die stille Schönheit, das Ungewöhnliche, das Überraschende, dieses Reh zu sehen für diese zwei Sekunden und dann mit diesem kurz gesehen- en Reh nach Hause zu gehen, diese Geschichte zu behalten, das verstehen die Leute nicht. Die sagen: „Ich zahle zehn Euro und dann gucke ich mir so viele Rehe an, wie ich will, den ganzen Tag.“Und diese Überraschungen wieder zuzulassen, da sortieren wir uns ein.
Am Ende geht es um Momente...
Es geht um Momente, genau. Es geht aber auch um die Wiederentdeckung, etwas zu tun. Es ist der Fall, dass wir auch Situationen bei dem Festival schaffen, die man aus ökonomischer Perspektive viel rationaler sehen könnte und viel effektiver. Und dann kommt: „Das musst Du doch anders machen. Da kann man doch so viel mehr Geld machen.“Aber es geht darum, dass wir Entscheidungen treffen und sagen, dass die Leute, mit denen wir das Festival machen, die Möglichkeit haben, mit ihrer Persönlichkeit Einfluss auf diese Veranstaltung zu nehmen.
Wo die Leute dann beim Vorbeigehen sagen: „Das ist doch super, hast Du das gemacht?“ das ist ja auch ein bisschen fishing for compliments. Und ich glaube, dass die größte Qualität des Festivals ist, diese Fähigkeiten aus diesem Dorf herauszulocken, aus jedem Einzelnen.
Höher, schneller, weiter – so lautet oft die Maxime: Wie zeigt sich das in der Festivallandschaft?
Wir müssen ein bisschen aufeinander achten. Dass nicht die Festivals anfangen zu behaupten: „Wir sind die einzig Authentischen.“Es ist immer sehr vermessen, von sich zu behaupten, dass man einzigartig ist. Als ob man nur wahrgenommen wird, wenn man maßlos übertreibt.
Hat Haldern Pop auch Fehler gemacht?
Ja, sicherlich. Wir machen immer wieder Fehler. Die meisten Fehler haben wir sicherlich am Anfang gemacht, weil wir auch gar nicht wussten, wie es geht. Learning by doing. Wir haben am Anfang wirklich gedacht, wir müssen was auffahren, wir müssen die beeindrucken. Aber wir mussten erstmal ein Gefühl dafür kriegen, wie wir mit Gästen umgehen.
Da bist Du aber jetzt eher in den frühen Jahren.
Ja, ich bin in den frühen Jahren. Wir machen auch weiter Fehler und ich glaube, dass wir diese Fehler gut aushalten. Wir hatten das Glück, dass wir in den ersten zehn Jahren völlig unbeobachtet im Unterholz unserer Jugend uns ausprobieren kon- nten. Und, dass wir dann eben gemerkt haben, was uns Spaß macht und was wir gut können. Und da war es halt noch kein Wettbewerb. Dann hat das irgendwann so einen Flow gekriegt und wir haben gemerkt, dass wir damit Menschen erreichen und eben auf eine Sympathie stoßen. Ich glaube nicht, dass wir da unverschämt vorgegangen sind, da haben wir uns selbst reguliert.
Es war richtig, Sting nicht fürs Festival zu buchen
Wir haben nicht den grundlegenden Fehler gemacht, Sting damals zu machen (Er wurde dem Haldern Pop in den 90ern angeboten, Anm. d. Red). Wir haben uns nicht verschuldet. Wir haben aber am Anfang diese Tribunale über uns ergehen lassen, wo dann in den Jahresversammlungen darüber gestritten wurde, wer viel und wer wenig gearbeitet hat. Und daraufhin haben wir ja diese einzigartige Lösung der „Familien“ entwickelt. Da ist immer noch Luft nach oben, aber man muss auch bedenken: Wir sind eher ein Diesel. Bis wirklich alle 450 oder 500 Beteiligten, die dann bei dem Wochenende helfen, wieder anspringen, das dauert seine Zeit. Die stecken ja alle noch in einem eigenen Leben.
Und das geht dann eben erst so im Juli los. Aber dann, und das finde ich ganz gut, eben mit einem hohen Grad an Eigenverantwortung, bis dann auch alles wieder weggeräumt ist. Und es gab oft Situationen, wo die Leute wirklich bis an ihre Grenzen gegangen sind, bei schlechtem Wetter oder auch bei zu heißem Wetter. Unser Prinzip der flachen Hierarchien bedeutet auch maßlose Diskussionen. Wir sind an dem Punkt, wo eine neue Generation entsteht, wo auch Veränderungen anstehen. Und da muss ja auch alles vorbereitet sein.
Zur Zukunft: Stell Dir vor, es wäre das Jahr 2040. Wie hat sich Haldern Pop seit 2026 entwickelt?
Ich glaube, einige von diesen großen Festivals wird es nicht mehr geben, weil sie sich eigentlich in einer reinen Rationalität und Ökonomie selbst verzehrt haben. Weil ihnen der eigentliche Grund, der wirklich Kräfte freisetzt, abhanden gekommen ist. Also der Grund, der Mannschaften gut Fußball spielen lässt. Weil dann der eine bereit ist, für den anderen zu rennen.
Ich glaube, dass Haldern Pop immer mehr erkennt, dass der eigentliche Wert dieses Festivals überhaupt nicht da liegt, wo man ihn vielleicht lange vermutet hat, bei der Entdeckung der jungen Bands, die dann heute Superstars sind – das ist alles Geschichte –, sondern, dass man erkannt hat, ein guter Gastgeber zu sein. So wie das jetzt im Pressetext steht: Hier kommt das Halbe zum Ganzen. Die Erkenntnis, dass man ja schon ein toller Typ ist, aber trotzdem nur 50 Prozent.
Diese völlig schwebenden Momente, die mit dieser unglaublichen Leichtigkeit passieren, in denen man nicht fragt, was das jetzt gekostet hat, in denen die Leute einfach spüren: Alle sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich glaube, das ist wichtig. Und das wird auch 2040 noch klarer sein. Dass man sich nicht von so Trivialitäten wie Quantität abhängig macht.
Worauf kommt es denn stattdessen an?
Wir leben in einer Zeit, wo sich über die Jahrzehnte des Friedens so ein bisschen diese Lager sortiert haben. Festivals haben das Interesse, die Leute wieder zusammenzuführen. Bestenfalls sogar den AfD-Wähler mit den Grünen. Wo sie sagen: „Ey, was machst Du da eigentlich?“ Oder: „Warum denkst Du so? Ich will Dich verstehen.“ Da sind wir wieder beim Einsammeln im Dorf. Keinen alleine zurücklassen. Sich interessieren für die Leute. Die beste Erkenntnis des Festivals 2040 wird sein: Die Zukunft ist klein.