von Stefan Reichmann —

Die Amsel singt, wenn sie keine Angst hat.

Die Amsel singt, wenn sie keine Angst hat
(Vorwort datt blatt 2026)

Verbogene Kerzen stehen auf den Fensterbrettern, die Sonne brennt, was getan werden muss, geht nicht leicht von der Hand. Das matte Grün der Pflanzen verrät ihren Durst, die Wiesen tragen gelb, viele warten auf Regen, wie ich. Diese Zeilen hätte ich am 3. November schreiben sollen, als ich nach einer dringend erforderlichen Operation gütig auf ein gutes Düsseldorf blickte, ein wohlwollendes Gefühl war mir zu eigen, allem und jedem zugewandt, bereit für eine Ode an die Menschheit.

Erstaunlich zufrieden mit mir, den Ärzten, Schwestern und Brüdern, dem Haus, den anderen Patienten, sollten alle meine Wärme spüren. Es gab nichts, was mir fehlte, was mich nervte und was ich für ungerecht befand. Es wäre der perfekte Moment gewesen, eine hinreißende Rede für das kommende Festival zu schreiben, die ich flammend am Mittwochabend, dem 5. August 2026, bei der finalen Versammlung hätte halten können, um uns alle auf ein unbeschwertes Wochenende mit fantastischer Musik und großartigen Menschen einzuschwören.  Bernd Begemann beschrieb Haldern mal als ein sanftes Gleiten, von einer kleinen Sensation zur nächsten.

So war das am 3. November 2025, ich kann mich noch gut daran erinnern. Auch, dass ich nichts aufgeschrieben habe an diesem Tag. Und jetzt haben wir den 14. Juli 2026, mein Gemüt ist gerade ein anderes, es muss noch so viel passieren und am Wochenende geht diese Zeitung in Druck.

Dieser Text ist einer von vielen Versuchen, positiv in die Zukunft zu schauen, den roten Faden für das diesjährige Festival verständlich auf ein Blatt zu schreiben, unsere grundlegende Motivation zu umschreiben – die bei jedem von uns eine andere sein darf, wenn sie sich mit unserem Grundprinzip deckt, sich nicht blind den Automatismen der Branche zu beugen. Die größte gemeinsame Schnittmenge bei diesem Fest ist der Stolz, den Ball so lange im Spiel gehalten zu haben, den Verlockungen des Marktes widerstanden zu haben, so dass nun unsere Kinder beginnen können, sich mit der Übernahme der Verantwortung vertraut zu machen. Aber wie stark geprägt darf so ein Staffelholz sein, um ihnen nicht tonnenschwere Erwartungen um den Hals zu hängen?

Alle kleinen Kinder brauchen Liebe. Aber wenn sie erwachsen werden, entwickeln sie eine eigene Persönlichkeit, die sich unter Umständen von der Persönlichkeit und den Ansichten der Eltern stark unterscheidet. Manche Eltern reagieren darauf mit Bestürzung, weil sie sich in ihrem Kind nicht mehr wieder zu erkennen glauben und deshalb meinen, sie hätten das Kind verloren, dabei ist es nur zu einem eigenständigen Menschen geworden. So erging es Brian Jones, der nach dem irreparablen Zerwürfnis mit den Eltern, namentlich dem Vater, mit 19 Jahren die Rolling Stones gründete. Wir möchten an der sensiblen Schnittstelle der Generationen die Freiräume für Neues und Zeitgemäßes lassen, ohne die zentralen Motive, denen das Festival seine Geschichte verdankt, im Wandel aus den Augen zu verlieren. Vieles muss sich immer wieder ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist.


Die Musikwoche stellte dem Haldern Pop vor wenigen Woche einige grundsätzliche Fragen zum Selbstverständnis des Festivals …:

Wie würden Sie die Festivalphilosphie von Haldern Pop beschreiben, was sind die zentralen Unterschiede zu den großen Corporate Festivals
Wir finden, um zu suchen: Was ist eigentlich relevanter, die Frage oder die Antwort? Was wir in der Brei-te erleben, ist der marktwirtschaftlich angetriebene Versuch, die Überreste einer einstigen Utopie junger Menschen schamlos auszubeuten. Diese Utopie handelte davon, wie man die Welt gemeinsam gestalten, sich gegenseitig akzeptieren, aufeinander zugehen könnte. Aus dieser Utopie erwuchs ein Geschäft, das die naiven Ideale als Marketing Credo in die Jugend pflanzte und konfektionierte. Unsere Philosophie ist es, die oben skizzierten ursprünglichen Motive nicht aus den Augen zu verlieren, die Liebe zur Musik und eine haltende Klammer unserer diversen Gemeinschaft zu pflegen. Wir verkaufen Tickets, um ein Festival in unserem Dorf zu veranstalten. Aber immer häufiger werden Festivals geplant, nur um Tickets zu verkaufen. Mit den Jahren wurden wir bei Haldern Pop zu einer sozialen Plastik, einer verantwortlich orchestrierten Utopie.

Haldern Pop gibt es seit 1984. Was waren die wichtigsten Veränderungen bei Ihnen in diesen Jahren?
Wir hatten das Glück, in einer überschaubaren Zeit etwas gemeinsam lernen, gemeinsam Erfahrungen machen zu können, ohne weitreichende Kommentierungen. Wir haben uns freundschaftlich in den Markt geschlichen, absichtslos und kopfüber in unsere Idee verliebt, und dabei die Fähigkeiten der anderen entdeckt und schätzen gelernt. Wir haben uns von der Erwartung emanzipiert, eine stilvolle Eigenart und Fehlerkultur entwickelt, was unserer  Resilienz heute zugutekommt. Haldern Pop steht für ein Vertrauen in die Überraschung und für einen über Jahrzehnte gewachsenen Ort für junge Künstlerinnen und Künstler mit internationaler Reputation und Geschichte. Wir haben gelernt, der musikalischen Zukunft zu vertrauen, ihr eine Bühne und Publikum zu bieten.

Ihre Kapazität liegt bei täglich maximal etwa 7000 Personen. Wie schwierig ist es, mit den entsprechenden Ticketerlösen wirtschaftlich zu arbeiten und angesichts der Herausforderungen im Festivalgeschäft weiterzumachen?
Es ist ein Auskommen, um anzukommen. In unserer Küche brennt noch Licht, weil wir da sind, uns das Kümmern immer wichtiger wird und wir uns als Menschen in Beziehung bringen. Wir wollen nicht einem Markt gehorchen, weil wir überdimensionierte Erwartungen entwickelt haben. Haldern Pop ist ein Wechselspiel von Vertrauen von all den Menschen, mit denen wir in Beziehung treten, direkt oder über Bande bei diesem Festival, dem Dorf und der Region. Als Veranstalter legt man vor, manchmal Jahre, wenn einem eine kraftvolle Vorstellungskraft gegeben ist. Wie definiert man Erfolg? Ist ein Ausverkauft der alleinige Grund einer Veranstaltung oder braucht es eine weitaus dramatischere Geschichte: ein Szenario das alle berührt, ein Gefühl? Der Realität können und wollen wir uns auch nicht verweigern, dennoch kochen wir am Montag so lecker wie samstags, sind da und passen aufeinander auf, gerade dann, wenn es mal weniger als 7000 sind.

Wie viele Karten sind denn für Haldern Pop 2026 bereits verkauft?
So viele, dass fast alle von uns gut schlafen können.

Nach welchen Kriterien buchen Sie Bands, gibt es stilistische Ausschlusskritierien?
Ein Festival und die Haldern Pop Bar zu kuratieren, ist eine wichtige Aufgabe in unserem Organismus, hier lernt man täglich dazu, wenn man neugierig bleibt. Das Genre spielt eine immer geringere Rolle, das durfte ich mit der Zeit lernen. Es ist viel wichtiger, wie man es spielt, als was man spielt. Gute Musik hat eine unfassbare Tiefe und verzaubert die Menschen sehr unterschiedlich. Wenn man liest, dass wir ein Singer/Songwriter-Festival oder Indie-Festival sind, weiß man, dass die Leute sich nicht wirklich mit unserer Entwicklung beschäftigt haben. Wo wir sind, muss nicht vorn sein. Wir schlagen vor, was uns begeistert. Es ist erlaubt zu verführen, aber niemals vorzuführen.

Festivals werden heute gern wahlweise als Hort, Bollwerk oder Förderer der Demokratie angepriesen. Sehen Sie da eine gewisse Überpolitisierung von Festivals? Hat Haldern Pop eine eigene politische oder gesellschaftliche Agenda?
Wir sind dafür und nicht dagegen, an etwas zu glauben. Das beginnt bei einem selbst, und es ist wichtig, etwas gemeinsam zu schaffen und der Zukunft entgegenzutreten, um sich gegenseitig die Angst zu nehmen. Wir können von unseren Kindern lernen, dass die Vorfreude ein Kind der Zukunft ist. Wir suchen Gemeinsamkeiten und das nicht zu 100 Prozent. Die Eigenart ist das Salz in der Suppe.

Wie würden Sie das Line-up 2026 beschreiben?
Es gleicht einer Liebe auf den zweiten, vielleicht auch dritten Blick, es zieht dich in Höhen und Tiefen, um zu berühren, aufregend und beruhigend zugleich, ein erzählen, kein marschieren.


So weit so gut, nur zwei Tage später in Westfalen …

Nach einem unterhaltsamen Mittagessen erzähle ich von meiner Idee zum Text im Datt Blatt, die Geschichte von Brian Jones, einem Hühner-Wettstreit der schönsten Eier – und am Ende gewinnen immer die Dicksten –, von Opiaten nach Knieoperationen, dem Verlust von Spielräumen in unserem Leben, Algorithmen, Hartmut Rosa, Unverfügbarkeiten, Fantasien und Vorstellungskräften, guten Freunden, vom Badengehen und dem falschen Ehrgeiz, immer alles richtig machen zu wollen, das Wort „immer“ ist schon bedenkenswert … mein philosophisches Gegenüber holte tief Luft, winkelte leicht den Kopf, um mir mit einem süffisanten Lächeln zu sagen, probiere mal weniger und vor allem strukturierter.

Wir leben in einer unverschämten Zeit, mit unverschämten Philosophen, genau aus diesem Grund braucht es unverschämte Ideen, immer, alles und sowieso macht mal Pause, ein bisschen, bald und vielleicht muss man sich ab und zu Wildling-Schuhe anziehen, um den Boden, den guten Grund zu spüren.

Wir dribbeln zwischen den Interessen unserer Zeit, wollen nicht zu viel Politik werden, ein liebenswerter Ort der Vielfalt, Eigenart und Gastfreundschaft bleiben. Die besten Verbindungen schafft der Kopf und dass die Zukunft klein ist, weiß man aus Erfahrung.

Die Autokorrektur tut so, als wolle sie helfen, trotzdem trifft sie oft die falschen Entscheidungen, wie einige wohlmeinende Schwiegereltern es ebenfalls gerne tun, deshalb wollen wir weiter dafür kämpfen, dass sich schablonisierte Vorgaben nicht zu einem schablonisierten Leben summieren. Ein fröhliches „Guten Morgen“ kann den Himmel auf-reißen, ganz einfach und ehrlich zeigt es seine Wirkung. Die Zukunft ist klein, wie unsere Armlängen, Schritte, Kinder, Orte und Möglichkeiten. Feste an sich zu glauben heißt, zu schwimmen, wenn man es kann und zu tanzen, wenn es passt, mit Fingerspitzengefühl und Augenmaß.

St. Reichmann
Haldern & Kaltern Pop

Foto: Christoph Buckstegen